Von Aussteigern und Alltäglichen

In jüngerer Zeit ist viel Literatur auf den Markt gespült worden, bei der der Typus des gesellschaftlichen Quittierers, des Aussteigers, den Protagonisten stellt. Vom Publikum werden diese Bücher meist mit Freuden aufgenommen. Sie verheißen Abwechslung, Abenteuer und Besonderheit. Das alltägliche Leben verliert an literarischen Stellenwert; sich mit ihm auseinanderzusetzen entspricht nicht mehr unseren Zeiten.

Monatelang führte Hape Kerkelings „Ich bin dann mal weg!“ die Bestsellerlisten an. Sekundiert wurde sein Werk von zahlreichen nachahmenden Bankern, Managern oder Lehrern wie z. B. Rudolf Wötzels „Über die Berge zu mir selbst: Ein Banker steigt aus und wagt ein neues Leben“. Aussteigen ist attraktiv. Es beschäftigt die Menschen und der rege Zuspruch demonstriert das existente Bedürfnis, im eigenen Leben eine Wendung herbeizuführen.

Vor diesem Hintergrund verwundert es wenig, dass vermehrt die symbolträchtige Figur des aussteigenden Lehrers herhalten muss. Mal literarisch anspruchsvoller (z. B. in Pascal Merciers „Nachtzug nach Lissabon“), mal seichter, bisweilen trivial (Benedict Wells „Becks letzter Sommer“) werden fiktionale Aussteiger aufgetischt, die das Szenario idealisieren.
Lehrer sind wie fast keine andere Berufsgruppe der mühlradartigen, wiederkehrenden Unwissenheit ihrer Schüler ausgesetzt. Sie müssen, einem Sysiphos gleich, in dem Moment mit ihrer Arbeit von vorne beginnen, als sie abgeschlossen zu sein scheint. Das Ausbrechen aus dem ewigen Zirkel; dafür bietet sich die Lehrerfigur deutlich an. Zumal man dies vom stereotypen Lehrer nicht erwarten würde, gelten sie den Vorurteilen entsprechend doch als eher unflexibles, unmotiviertes und einfältiges Wesen.

In einer Gesellschaft, die überwiegend aus Individualisten besteht, wird es für den Einzelnen  immer schwieriger eine exponierte Stellung einzunehmen. Gleichzeitig ist ein herausgehobener gesellschaftlicher Bekanntheitsgrad mehr und mehr das erkorene Lebensziel der Massen. Bei diesem Widerspruch des persönlichen Wollens und der faktischen Unmöglichkeit zur allumfassenden Berühmtheit aller stellt das Aussteigen aus der Gesellschaft eine attraktive Möglichkeit dar, wie man letztlich doch noch auf sich aufmerksam machen kann. Wenigstens bietet dieses Szenario literarische Gestaltungsmöglichkeiten.

Aber ist alleine soziales Profilierungsbedürfnis die Ursache für den Siegeszug der Aussteiger? Oder sind die Menschen unzufrieden mit dem eigenen Leben, oder weniger dramatisch: Sind sie unzufrieden mit der alltäglichen Lebensweise ihrer Gesellschaft, an der sie teilhaben?

Anders gefragt: Warum schreibt keiner Bücher darüber, was es heißt, ein guter Mensch zu sein?  Was heißt es, wirklich gut im Beruf zu sein? Was heißt es, eine gute Mutter zu sein? Was bedeutet es, sich wirklich zu engagieren, wozu, wofür? Weil die Vorstellung sich über so etwas „Triviales“, „Alltägliches“ zu äußern einen fast schon blamiert. Es würde ja sowieso niemanden interessieren.

Vieles hat vermutlich auch mit einer Erwartungshaltung an das eigenen Leben zu tun. Einfach nur seinen Beruf gut auszuüben, das reicht heute nicht mehr. Einfach eine gute Mutter zu sein oder sich als Mensch zu engagieren, das versprüht nicht den Zauber des Besonderen. Nur die radikale Abkehr ist ein kurzfristiger-finaler Aufschrei gegen die gleichgültige Anteilnahme der Gesellschaft.

Dieses Desinteresse am Alltäglichen geht auf eine (weniger biologisch, sondern geistig) kurzlebige, unbewusste und desorientierte Gesellschaft zurück. Es zeigt sich an der Unfähigkeit bewusst zuzuhören oder sich auszutauschen. Wenn man mit den Menschen redet, dann geht es ihnen allein darum, ihre vorgefasste Meinung zu explizieren, weniger darum sich auf das Wort des Gegenübers einzulassen. Albert Einstein hat das mal treffend formuliert: „Es ist leichter einen Atomkern zu spalten als ein Vorurteil.“

„Kurzlebigkeit“ ist das Motto. Menschen arbeiten nicht mehr an Freundschaften, sie knüpfen sich rein utilitaristisch ihre Netzwerke. Familie steht der örtlichen Flexibilität sowieso im Wege.  Bloß nicht für irgendetwas oder irgendwen Partei ergreifen, im nächsten Moment könnte die nomadisierende Wanderkarawane des Mainstreams sich gegen einen wenden. Wer den Dingen einen Wert beimisst, wer verantwortlich sein will für das, was er tut, der ist ein Langweiler.

Ein echter Klassiker, oder modern: ein echter Langweiler, wie Thomas Manns „Buddenbrooks“, zeigt einem zum Beispiel gerade das Gegenteil des Aussteigers. Hier wird in literarisch-minutiöser Kleinstarbeit das alltägliche Leben einer Gesellschaft seziert und dadurch feinfühlig vor die Augen der Leser geführt, was zur Folge hat, dass man sich tatsächlich mit dem Leben und Sterben der Menschen und dieser Familie Buddenbrook auseinandersetzt.

Wann setzen wir uns wieder mit dem Leben und Sterben in unserer Gesellschaft auseinander? Wann hören wir auf in Kurzfristigkeit, Schnelllebigkeit und Netzwerken zu denken? Wann Orientieren wir uns wieder am Menschen an und für sich und nicht an den Ikonen? Wie kann das Alltägliche wieder an Reiz gewinnen?

Und irgendwie liegt es zum Zerreißen in der Luft – denn diese Verhältnisse dauern schon sehr lange an -, dass irgendwann einer oder eine kommen wird, die diese Verhältnisse auf den Kopf stellt, vielleicht ein Buch schreiben wird und damit ein Ventil installiert, das den Menschen wieder Luft zum Atmen und viel wichtiger – die Lust, alltäglich zu leben, schenkt.

This entry was posted on Sunday, October 25th, 2009 at 20:45 and is filed under Kultur & Gesellschaft. You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. You can leave a response, or trackback from your own site.

3 Responses to “Von Aussteigern und Alltäglichen”

  1. Hartmut Rieg Says:

    Hallo Samuel,
    es kann sein, dass durch die Veränderungen der letzten Jahrzehnte das Ínteresse an Aussteigern zugenommen hat, gibt es ja sogar Reality-TV dazu. Lehrer sind bestimmt geeignete Protagonisten, weil sie ständig widersprüchlichen Rollenerwartungen von Schülern, Eltern und Behörden ausgesetzt sind und dazwischen ihre eigene Position behaupten müssen.
    Ich finde aber, dass es generell nicht schaden kann, von Zeit zu Zeit eine Art Identitätscheck bei sich selbst vorzunehmen und zu sehen, wo man eigentlich steht. Das Buch von Mercier (Nachtzug) beginnt mit dem Gedanken, dass jeder von uns so vielfältig ist, dass er sich von sich selbst ebensosehr unterscheidet wie von den anderen.
    Konsequent geht die Hauptfigur Gregorius weg, um einen anderen zu studieren und kehrt zu sich selbst (vielleicht nicht in die Schule) zurück. Die Figur Prado, die er studierte, hatte geschrieben “Das Leben ist nicht das, was wir leben; es ist das, was wir uns vorstellen zu leben”. Am Ende ist Gregorius bereit sich selbst neu zu konstruieren.

  2. SL Says:

    Du hast recht, dass ein Identitätscheck gut ist. Das Verreisen oder ein Ortswechsel kann einem dabei helfen. Wir haben ja öfter schon kurz über Zivilisationskritik und so weiter gesprochen: Ohne das Kennenlernen anderer Kulturen, hätte ich mich glaube ich kaum mit Zivilisationskritikern beschäftigt. Grundsätzlich ist Reisen mit dem Ziel der Bildung zu begrüßen, ich glaube da sind wir uns einig.
    Mir ging es letztlich darum, dass man aber auch das Alltägliche nicht verneinen soll. Die wenigsten Menschen steigen tatsächlich aus, obwohl sie immer mehr das Bedürfnis dazu entwickeln. Das ist irgendwo eine ethische Überlegung, dass man sich der Aufgabe des Lebens stellt und versucht im alltäglichen Leben Freude und Begeisterung zu erfahren, statt immer mehr seine Sehnsüchte in Ausstiegsszenarios zu projezieren, die vielleicht genauso wenig erfüllt werden. Oder irgendwann genauso Alltag werden.
    Mercier Buch ist um Längen besser als das von Wells, auch wenn ich Mercier leider nicht komplett lesen konnte, da ich es mir kurz ausgeliehen hatte und ich es wieder zurückgeben musste.
    Der von Dir dargestellt Ansatz des “sich selbst neu zu konstruieren” ist wirklich ein interessanter Gedanke und wenn man sich dies für sein alltägliches Leben beherzigt, dann kann man, denke ich, glücklich und gut leben und sich weiterentwickeln.

  3. Hartmut Rieg Says:

    Ich habe mal bei amazon nach dem Stichwort “Aussteiger” gesucht und war beeindruckt. Übrigens ist bei Vox Sonntag nachmittag Aussteiger-Dokusoap angesagt. Offensichtlich gibt es einen Bedarf und das Angebot dient als Opium für die Bedürftigen. Demnächst habe ich die Gelegenheit, Wells anzuhören, aber es stimmt schon: Um selbst weiter zu kommen, braucht man keine 5 solchen Bücher.
    Was das alltägliche angeht: Man muss immer im Auge behalten, wo man herkommt und wo man hin will, sonst wird man gelebt statt dies selbst zu erledigen. Das macht dann das lltägliche auch wieder spannend.
    Schöne Grüße
    Hartmut

Leave a Reply