Vom Menschen und Niedrigleister

In stillen Momenten, Fragen über Fragen. Wo geht die Reise hin? Oder woher kommt das alles? Was ist überhaupt die Welt, das Leben, der Mensch? Warum und woher diese Komplexität? Warum diese Komplexität? Wer oder was gibt Antwort? Wie kriege ich die Antwort?

Allein die Menschen scheinen sich mit ihr, dieser ihrer Welt, arrangiert zu haben. Sie wissen zu viel, aber irgendwie auch nichts. An allem herrscht Überfluss: Autos, Computer, Geräte, Essen. Mangel und Nicht-Sein, was ist das? Das gibt es nicht mehr. Die Mächtigkeit der Überfülle macht das Denken träge. Die Hektik in den Straßen und Büros gönnen ihm keine Ruhe. Die Geschwindigkeit der Entwicklung setzt ihm zu.

Emanzipiert von den Schatten der dunklen Vergangenheit rast er nun befreit dahin auf dem Highway des Lebens. Im kapitalistischen Großzirkus vollführt er tagtäglich neue Kunststückchen auf Kosten irgendwelcher anderer. Und die „Denke“ folgt diesem Kreislauf. Dort, wo man einst die Systemkritiker fand, da findet man sie nicht mehr. Die „Kritiker“ sind Teil des Systems.

Von ihnen wird man täglich mit Informationen überhäuft, überschüttet. Tag für Tag mahlen die Mühlen des news cycle unerbitterlich und speien einem Höllenhund gleich die nächsten Säue aus, die durchs Dorf getrieben werden. Denn im Makrokosmos der Informationen versickert das eigentlich Wichtige doch recht leicht. Man könnte meinen, wir seien die best-informierten überhaupt, ein regelrechter „homo informaticus“.

Doch Vorsicht! „The more you watch the less you know.” Es ist nicht so, dass man dadurch mehr versteht, dass man besser informiert ist. Das großflächige Bombardement und die Schnelllebigkeit höhlen das Denken aus. Die Presse ist dem “Druck der Herausgeber nach Aktualität.”, einem „Moloch“, ausgesetzt.

Es herrscht der „Kult der Neuheit“. Sie, die „Neuheit verdrängt heute die Qualität. Es wird nicht gefragt: Ist das gut? sondern: ist das neu?“ Auch bei den Büchern zeigt sich dies: „Es werden keine Bücher mehr geschrieben. Jeder versucht, einen Bestseller zu schreiben.“ Was mal Denken war, hat man mal im Fernsehen gesehen. Wie man zur Meinung kommt, liest man im Ratgeber. Was forschen heißt, googelt man schnell. Was Menschlichkeit ausmacht? Das vergisst man eben.

Innehalten, Hinterfragen, Reflektieren; alle diese Tugenden sind nur dann zu fördern, wenn Ruhe, Zeit und Entfaltungsraum gegeben sind. Stattdessen: Turbo-Abitur, Turbo-Bachelor, Turbo-Druck. Wie soll jemand auf die Fragen Antworten finden, wenn alle ungebremst unter Spannung stehen?

Ja, es ist zum seufzen. Manchmal, da wünschte man sich in irgendein Idyll zurück. Entschleunigung, Orientierung und Harmonie mit der Umwelt sind die unverhofften Sehnsüchte. In der Außenwelt ist davon aber wenig zu finden. Stattdessen Arbeit, Leistung und Wachstum.

Und da sind wir nochmal bei den Fragen der Fragen. Warum weiter wachsen? Ewig mehr produzieren, noch effizienter, noch lukrativer? Aber für wen und warum? Wofür das alles, wo geht das hin? Wie kam es dazu?

Eigentlich heißt es doch, wir seien moderne Menschen. Aufgeklärte Wesen seien wir. Kraft unserer Vernunft befreiten wir uns von den Fesseln unserer selbstverschuldeten Unmündigkeit. Viele haben Götter, Mythen und Heroen hinter sich gelassen.

Wir haben die Natur bezähmt, ihre gnadenlosen Tücken und Grausamkeiten erkannt, Wissenschaft und Technik sei es gedankt. Doch mehr und mehr scheint es, dass unsere eigene, die menschliche Natur, nicht länger ausgespart wird von der Bezähmung. Wird treten in die nächste Stufe ein: Von Natur aus Mensch sein, das war einmal. Heute sind wir Niedrigleister.

Zitate aus: „Die Welt im Notizbuch“ Kapuściński, R. 2000, Piper, Frankfurt am Main

This entry was posted on Monday, October 12th, 2009 at 01:03 and is filed under Kultur & Gesellschaft. You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. You can leave a response, or trackback from your own site.

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