Eine fast vergessene Verbindung – Bloggende Namibianer melden sich zum Herero Aufstand

Beispiele deutscher Beschilderungen im namibischen Alltag.

Beispiele deutscher Beschilderungen im namibischen Alltag.

Neue Medien – ungekannter Austausch in transkontinentalen Fragen

Deutsch, so behauptet es jedenfalls die Wikipedia, ist nicht nur die meistgesprochene Muttersprache in der Europäischen Union. Sie ist auch die Sprache, die mit 8% Anteil an allen Seiten am zweithäufigsten im World Wide Web anzutreffen ist. Doch nicht allein aus Europa melden sich deutschsprachige zu Wort. Über Blogs, Twitter und Facebook machen Menschen auf sich aufmerksam, die von vielen in Deutschland schon vergessen zu sein scheinen: Darunter sind auch Blogger aus Namibia, was bis zum Ende des ersten Weltkrieges 1918 deutsche Kolonie war.

Die neuen Kommunikationsmöglichkeiten sind eine Chance, den Kontakt zu Menschen aufzunehmen, die weder in Schulbüchern, noch im öffentlichen Diskurs in Deutschland eine Rolle spielen. Eine immer dünner werdende historische Verbindung zwischen zwei fast fremden Welten könnte so neue Aufmerksamkeit erlangen. Mehr noch eröffnen sich den deutschsprachigen Namibianern Kanäle, zu wichtigen Themen der deutschen Kolonialgeschichte Stellung zu nehmen und vielleicht auch Einfluss auf die deutsche Öffentlichkeit auszuüben. Dabei ist das brisanteste Thema zweifellos noch immer der Aufstand der Herero und Nama gegen die deutsche Fremdherrschaft. Was dabei zu Tage kommt, ist mehr als erstaunlich und soll hier einmal untersucht werden.

Was wissen wir vom Genozid an den Herero?

Bereits der Einstieg des Wikipedia-Artikels setzt alle Zeichen (auch wenn mir bewusst ist, dass man die Wikipedia möglichst vermeiden sollte, so ist sie doch auch ein Spiegel der gängigen, konventionellen Meinungen):

“Als Aufstand der Herero und Nama bezeichnet man den Kolonialkrieg zwischen den deutschen Truppen und den Völkern der Herero und Nama in Deutsch-Südwestafrika (dem heutigen Namibia) während der Jahre 1904 bis 1908, die nach der Niederschlagung des eigentlichen Aufstandes in einen Völkermord durch die deutsche Kolonialmacht mündete.” (Quelle)

Explizit wird von einem Völkermord gesprochen. Es folgt ein Artikel der für wikipedianische Verhältnisse ausgesprochen formal recherchiert zu sein scheint (Foßnoten, Belege, zahlreiche Literaturangabe). Man liest von einer Schlacht am Waterberg und einem Sieg eines Lothar von Trotha, der die Herero zum Rückzug in die Wüste Omaheke zwang: “Diese riegelte von Trotha anschließend ab und wies Major Ludwig von Estorff mit seinen Truppen an, den Flüchtenden nachzusetzen und sie „[…] immer wieder von event. dort gefundenen Wasserstellen zu verjagen […]“

Weiter heisst es: “Dieser Taktik rühmte sich noch 1907 der Generalstab in seinem Bericht: „.. wie ein halb zu Tode gehetztes Wild war er von Wasserstelle zu Wasserstelle gescheucht, bis er schließlich willenlos ein Opfer der Natur des eigenen Landes wurde. Die wasserlose Omaheke sollte vollenden, was die deutschen Waffen begonnen hatten: Die Vernichtung des Hererovolkes.“”

Namibianische Blogger: Sterben ja, Genozid nein

Überlebende Herero nach der Flucht durch die Wüste

Überlebende Herero nach der Flucht durch die Wüste

Ähnlich wie bei der Türkei-Armenien-Frage scheint auch in dieser Auseinandersetzung die zentrale Streitfrage, von höchstem symbolischen Rang,  zu sein: Sind die historischen Ereignisse zutreffend als Völkermord, als Genozid zu bezeichnen? Das bezweifeln jedenfalls die eingangs erwähnten Blogger aus Namibia.

In dem Beitrag des Blogs i-NamibiaHerero-Genozid: Die wahren Revisionisten und ewig-gestrige Sozialisten“  berichtet der Autor u. a. von einer umstrittenen Historikern Namens Brigitte Lau. Sie vertritt die Gegenposition und bezeichnet die Ereignisse ausdrücklich nicht als Genozid:

“Diesen unglückseligen Versuch, eine verwirrte, beziehungslose und teure militärische Situation zu rechtfertigen, als bare Münze zu nehmen – wie es auch viele zeitgenössische Kolonialschriftsteller taten, wahrscheinlich vom Drang beseelt, als Kriegshelden zu erscheinen – ist geschichtlicher Unsinn; und einen “Genozid” daraus zu machen ein um so größerer.”

Gemeint ist hier, dass die Herero keineswegs unterlegene und primitiv kämpfende “Eingeborene” gewesen seien, sondern dass ihre “Leistung” viel mehr anzuerkennen sei: “Denn die Herero gingen zu Kriegsbeginn professionell und überlegt vor. Dem Aufstand waren durchdachte strategische Planungen vorausgegangen.” Auch entspräche es nicht der Würde der Herero, als “Opferlämmer” dargestellt zu werden.

Und weiter heisst es:

“Solch einen, wenn auch fürchterlichen und sinnlosen Krieg in Nachhinein als Genozid zu bezeichnen, in welchem angeblich deutsche Übermenschen die wehrlosen Eingeborenen ohne deren leisester Vorahnung besinnungs- und erbarmungslos niedergemetzelt haben sollen – das verhöhnt die Opfer der Herero!”

Um sich dem Eindruck des Revisionismus und Rassismus zu erwehren stellt der Autor unmittelbar klar, sie seien weder Kaisertreue, noch Nazis und auch die deutsche Kolonialschuld wolle man nicht bagatellisieren. Der Namibianer sieht aber in marxistisch-inspirierten “gescheiterten Theoriekonstrukte[n]” (speziell von Historiker Drechsler) eine Gefahr für die deutsch-namibianische Aussöhnung. Schließlich wird der Forderung nach einer unabhängigen Historikerkomission zur Untersuchung der Geschehnisse Nachdruck verliehen.

Gegen das Unwissen: Für eine breite Auseinandersetzung in der deutschen Gesellschaft

Als ich Weihnachten des letzen Jahres das Genocide Memorial in Kigali, Ruanda besucht habe, wurden die Deutschen gleich zweimal ins Bild gerückt: Zum einen der Ermordung der Juden wegen, zum anderen wegen des so wörtl. “Genozid” an den Herero. Die Ruander scheinen sich in dieser Frage der konventionellen Sicht anzuschließen. Denn man muss eines klar kritisieren, was die namibianischen Blogger scheinbar nicht wahr haben wollen:

Hätte es die von Trothas und von Lettow-Vorbecks (deutscher General in Tansania) samt ihrer “Schutztruppen” nicht gegeben, hätte es diese sinnlose und menschenverachtende Politik nicht gegeben, dann hätte es auch keinen Exodus der Herero gegeben, kein Massensterben in der Wüste und keine Aufstände der Maji Maji in Tansania, woran sich das deutsche Volk einmal mehr die Finger blutig gemacht hat. Zu behaupten, die Herero wären würdevolle Kämpfer gewesen, die sich tapfer gegen die Deutschen gewehrt haben und man ihnen dafür Respekt zollen müsse, wirkt vor diesem Hintergrund mehr als zynisch.

Um auf die gestellte Frage (“Was wissen wir vom Genozid an den Herero?”) zu reagieren… Es hilft kein langes Drumherumgerede: Wir wissen fast nichts. Im öffentlichen Bewusstsein ist die Kolonialvergangenheit praktisch verdrängt. Die wenigsten wissen wohl, dass es überhaupt deutsche Kolonien gegeben hat.

Vor ein paar Jahren las ich allein in der tageszeitung etwas zum Gedenken des 100 jährigen Jahrestages der Aufstände. Damals war ich sehr betroffen von dem Artikel und ich frage mich bis heute, warum weder die deutsche Kolonialgeschichte, noch überhaupt das Thema Imperialismus, Kolonialismus nicht ein einziges mal während meiner Gymnasialzeit auf der Tagesordnung stand.

Nicht nur sollte man deshalb den Namibianern darin recht geben, eine unabhängige Historikerkomission einzuberufen. Vielmehr muss die Thematik und die Verantwortung gegenüber der Geschichte in die Öffentlichkeit gebracht werden.

This entry was posted on Sunday, October 18th, 2009 at 22:20 and is filed under Internationales, Kultur & Gesellschaft, Politik. You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. You can leave a response, or trackback from your own site.

2 Responses to “Eine fast vergessene Verbindung – Bloggende Namibianer melden sich zum Herero Aufstand”

  1. Namibia-Deutsch nicht Kaisertreu Says:

    Fairer Kommentar — und ja, mehr Öffentlichkeit in der Bundesrepublik für diese Geschichte, nicht nur von links(-extremer), sondern auch von ausgewogene Seite, wäre sehr hilfreich für das heutige Namibia. Sie können sich wohl gar nicht vorstellen, wie ernst die Politik aus Deutschland genommen wird, nicht nur bei den Namibia-Deutschen, sondern auch bei der Regierung — auch wenn inzwischen mit viel Herablassung — und den Herero.

  2. SL Says:

    “Sie können sich wohl gar nicht vorstellen, wie ernst die Politik aus Deutschland genommen wird, nicht nur bei den Namibia-Deutschen, sondern auch bei der Regierung”

    Man könnte wohl das Verhältnis der Aufmerksamkeit in Bezug auf dieses Thema in Deutschland und Namibia als antiproportional bezeichnen.

    Die Kolonialgeschichte ist in Deutschland nahezu nicht existent. Fragen Sie mal die Menschen nach den ehemaligen deutschen Kolonien! Da herrscht schweigen im Walde…

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