Die totalitäre Arbeitsgesellschaft, ihre hysterische Elite und die Freiheit als alternative Lebensform
Brett vorm Kopf
Die Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen hat nach ihren eigenen Worten in den letzten Jahren gelernt, die „richtigen Fragen zu stellen“. Nämlich: „Wo ist dein Problem, dass du nicht arbeitest?“[1] So verkündete schon Paulus in diesem Sinne „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen.“ Was es mit der ursprünglichen bzw. theologischen Intention dieses Zitats auf sich hat, ist hier nicht von Belang. Entscheidend ist, dass namhafte Politiker (und in der Regel Gegner eines Bedingungslosen Grundeinkommens), wie z. B. Franz Müntefering, sich dieser Paulus‘ Formulierung bedienen, um ihre Vorstellung von Arbeit als soziale Verpflichtung zu untermauern.Im Hintergrund steht dabei ein totalitärer Arbeitsbegriff. Zu „arbeiten“ ist demnach die normierte Pflicht eines jeden Staatsbürgers. Aus dieser Wertidee sind die rot-grünen Hartz-Gesetze erwachsen. Einige Merkmale sind z.B. der Zwang jede Form von Job annehmen zu müssen, um Sanktionen zu vermeiden. Obgleich dem arbeitenden Sozialhilfeempfänger ein Großteil seines so erwirtschafteten Einkommens wieder abgezogen wird, sodass Leistung nicht belohnt, sondern – im Gegenteil – wiederum sanktioniert wird.
Die CDU/CSU propagierte noch 2003 die Losung „Für Wachstum – Sozial ist, was Arbeit schafft“.[2] Dass aber Arbeit alles andere als sozial sein kann, erfahren viele Menschen täglich am eigenen Leib. Nahezu alle Parteien weigern sich dennoch, ihre Vorstellung von Arbeit an anderen, realitätsbezogenen Werten auszurichten. Dabei wäre ein Paradigmenwechsel im Arbeitsdiskurs unvermeidlich. Das anachronistische CDU/CSU Getöse könnte man dabei in „Sozial ist, was gute Lebensbedingungen für die Menschen schafft“ umformulieren. Der Fokus würde sich von der Arbeit auf das Leben verschieben. Und das sollte doch im Mittelpunkt stehen, solange man es noch hat. Denn zu arbeiten, während wir leben, machen wir zu genüge. Zu leben aber, wenn wir tot sind, das wird uns nicht gelingen.
Wenn nun Frau von der Leyen derartige Fragen stellt, muss man dagegen halten: Nein, sie haben keineswegs gelernt, die richtigen Fragen zu stellen! Sie denken immer noch in den alten, verkrusteten Kategorien der Leistungs-, Wettbewerbs-, Verwertungs-, Zwangs- und Dranggesellschaft, die heute das soziale und politische Leben in Deutschland bestimmen. Ganz zu schweigen davon, dass – was ja eigentlich nur begrüßenswert ist – der Bedarf an menschlich-mechanischer Arbeitskraft zurückgeht. Zu verlangen, dass jeder arbeiten muss, während es vermutlich nie wieder genug Arbeitsplätze für alle geben wird, ist nicht nur moralisch fragwürdig, sondern auch schlicht und ergreifend eine offenkundige Dummheit.
Es wird nur noch in die Hände gespuckt
Dabei ist dieses Umdenken nicht allein auf Arbeit oder Wirtschaft zu begrenzen, und es kommt auch nicht von ungefähr. Vergleichbare Ideen von Zwang oder, euphemistisch ausgedrückt, von Verpflichtung durchdringen auch andere Bereiche des Lebens, insbesondere den Bildungsbereich. Im Zusammenhang mit den begrüßenswerten Protesten der Studenten lässt sich das ablesen. Dabei ist oftmals die Kritik von der Ökonomisierung der Bildung, was von der Kultusministerkonferenz stets als Nonsens zurückgewiesen wurde. In Anlehnung an diese Kritik soll hier ein Zusammenhang zwischen den Begriffen des Wettbewerbs und der Elite hergestellt werden.
Es scheint, als ob Wettbewerb nicht gleich Wettbewerb sei. Man kann vielleicht zwischen einem akademischen und einem ökonomischen Wettbewerb unterscheiden. Der erstere hat Forschung und Bildung zum Ziel. Dabei zählt im Ideal das bessere Argument. Er ist kooperativ, konstruktiv und erkenntnisgewinnend. Hingegen hat der ökonomische Wettbewerb die Verdrängung des Konkurrenten zum Ziel, d.h. die Reduktion und Verdünnung anderer zu Gunsten weniger.
Gegen eine wissenschaftliche Auseinandersetzung im ersteren Sinne kann also kein Protestierer/keine Protestiererin etwas haben. Im Gegenteil, man möchte sich diese Form des Diskurses erhalten. Man erwehrt sich weniger einer Wettbewerbsidee im Allgemeinen, denn einer speziell ökonomischen. Von diesem Standpunkt aus betrachtet, ist die Angst vor der bedingungslosen Ökonomisierung der Bildung berechtigt, welche die Zwangsformen der bedingungslosen Ökonomisierung der Arbeit (diese Begriffskonstellationen erscheint schon fast als Identität, ist aber gerade nicht gleichzusetzen) als Damoklesschwert über sich schweben sieht.
So verwundert es nicht, dass ein Teil der gesellschaftlichen Elite in Deutschland sich nicht mehr auf traditionellen, staatsmännischen und Bildungsidealen (z. B. Platons Ideal: Philosophen als Herrscher) zu konstituieren scheint (wer weiß, ob sie das jemals getan haben?!), sondern vermehrt auf ökonomischen, ggf. auch plutokratischen. Dies erklärt vermutlich auch die Dichotomie zwischen Unterstützung und Ablehnung der Proteste, die unter den Studenten herrscht.
Der Schlüssel zum Erfolg, zum sozialen Aufstieg und insbesondere zum Erhalt der sozialen Stellung ist bekanntlich die Bildung. Aber anstatt auf die begrüßenswerte, öffentliche Bildungstradition in Deutschland zu schauen und daran zu arbeiten, dass gesamtgesellschaftlich eine optimale Förderung der Kinder dieses Landes gewährleistet wird, ist dagegen eine Zunahme der Privatschulen festzustellen. Gute Bildung hängt so vermehrt vom Geldbeutel der Eltern ab. Mit fairem „Wettbewerb“ (Chancengleichheit) hat das noch weniger zu tun.
Die Dokumentation „Von Anfang an Elite“ (Phoenix, 2008)[3] zeigt, wie bildungshysterische Eltern viel Geld in Privatschulen stecken, um ihren Kindern den Weg in den Kreis der Auserwählten zu ebnen. Besonders aussagekräftig ist, dass erst dreijährige bereits in die hohe Kunst des Verkaufens eingeführt werden.
Es soll also die These festgehalten werden: Dadurch, dass sich die Elite auf einem ökonomischen Wettbewerbsprinzip konstituiert, überträgt sie dieses kraft der ihnen unterstehenden staatlichen Institutionen in nahezu allen Einflusssphären ihrer politischen Macht. Frau von der Leyens Äußerungen sind vor diesem Hintergrund sehr gut nachzuvollziehen: Sie hat es ja nie anders gekannt.
Die pure Lust am Leben
Die selbsternannte „Freiheitsstatue“ von Deutschland, Guido Westerwelle, wirkt darüber hinaus geradezu als Karikatur der Freiheit. Insbesondere die konservativ-(anti)liberalen Kräfte sind nicht an Freiheit interessiert, sondern an der Wahrung ihrer elitären Stellung. Aus dieser Warte heraus üben sie Einfluss aus und versuchen mir als Mensch dieser Gesellschaft ihre Vorstellungen vom Leben aufzuerlegen. Das Ergebnis ist ein Klima des Drangs, des Zwangs und der Unfreiheit.
Um es klar zu sagen: es spricht nichts dagegen zu arbeiten, solange denn die Arbeit sinnstiftend und human gestaltet ist. Arbeiten kann durchaus angenehm, kreativ und schön sein. Aber es scheint sich das Gegenteil zuzuspitzen. Rastlosigkeit, Leistungsdenken, Abstiegsängste und eine Kultur der vorgegaukelten Makellosigkeit machen sich breit, was meinem übergeordneten Wert eines humanen Lebens entgegensteht. Ich selbst kann nicht von mir behaupten, mich besonders gut von diesem Druck freizumachen. Daher komme ich zum Schluss zu der Frage: Wie sich von diesem ganzen Scheiß emanzipieren?
Sowas kann dann schon mal helfen, sich die Freiheit zurückzuerobern…
Verseucht mir meinen Garten mit Schwefeldioxyd
vernebelt mir die sinne
bis man nichts mehr sieht
baut mir durch die Küche noch ‘ne Autobahn
schneidet mir die Haare
und zieht mir doch den Zahn.
Und wenn es wirklich nötig ist
dann will ich nicht so sein
dann lagert noch Plutonium in meinem Keller ein.
Aber eins kann mir keiner
eins kann mir keiner
eins kann mir keiner nehmen
und das ist die pure Lust am Leben.
Aber eins kann mir keiner
eins kann mir keiner
eins kann mir keiner nehmen
und das ist die pure Lust am Leben.
Schlachtet meine Katze zum Wohl der Medizin
bringt mich auf die Palme
verpaßt mir Ephedrin
zieht euch meine Oma zu Spitzeldiensten ran
foltert mich mit Wissenschaft
bis ich nicht mehr kann.
Geht’s mir dann ganz schmutzig
stampft mich kräftig ein -
zum Segen der Nation muß das wohl so sein.
Aber eins kann mir keiner
eins kann mir keiner
eins kann mir keiner nehmen
und das ist die pure Lust am Leben.
Eins kann mir keiner
eins kann mir keiner
eins kann mir keiner nehmen
und das ist die pure Lust am Leben.
„Pure Lust Am Leben“ – Geier Sturzflug[4]
[1] Süddeutsche Zeitung (12./13. Dezember 2009): Die Arbeitswelt wird älter, weiblicher, bunter, innovativer. Sozialministerium Ursula von der Leyen über die Berufe der Zukunft, den Sinn von Mindestlöhnen und den Nutzen der staatlichen Rentengarantie.
[2] http://www.cdu.de/tagesthema/beschluss_strukturreformen.pdf
[3] http://www.phoenix.de/content/phoenix/die_sendungen/dokumentationen/von_anfang_an_elite/193903?datum=2009-12-13
[4] http://www.geiersturzflug.de
December 13th, 2009 at 22:32
so. wieder mal draufgehauen!
December 13th, 2009 at 22:59
Passende Blamage zum Thema: http://www.youtube.com/watch?v=jCMXLYnJah4&feature=related
December 13th, 2009 at 23:17
Acht Stunden Arbeit sind vorbei,
es sieht ganz so aus, als wärst du frei.
Kannst dich vollaufen lassen,
kannst ins Kino gehen.
Und du kannst dein Geld im Puff ausgeben.
Es ist Feierabend und die Arbeit ist vorbei,
rück den Kies raus, Junge, und du bist dabei.
Hast ‘ne Pause verdient, aber wer auch nicht.
Morgen gehts weiter, warte nicht.
Spring mitten rein ins süße Leben,
du brauchst dein Geld nicht der Heilsarmee geben.
Es ist Feierabend und die Arbeit ist vorbei,
heut ist Tanz auf dem Vulkan und du bist dabei.
Besuch doch heute Abend deinen Chef
und fahr mit seinem Mercedes weg.
Gib ihm doch endlich seinen Lohn,
mach dich auf die Socken, er wartet schon.
Es ist Zahltag, Junge, und die Arbeit ist vorbei.
Tu, was du tun willst und du bist frei.
Frei!
http://www.lyricstime.com/ton-steine-scherben-feierabend-lyrics.html
December 14th, 2009 at 00:41
[...] Dieser Eintrag wurde auf Twitter von Daniel Immel, Samuel Lissner erwähnt. Samuel Lissner sagte: Ich zum So Die totalitäre Arbeitsgesellschaft, ihre hysterische Elite und die Freiheit als alternative Lebensform http://tinyurl.com/yedd5lf [...]
December 14th, 2009 at 06:06
Also in diesem Artikel wird leider keine Lösung vorgeschlagen. Zugegeben, eine “Weltformel” kann man hier auch nicht verlangen…
Ich selbst habe gestern auch die Sendung auf Phoenix geguckt und sie hat mich ziemlich nachdenklich gemacht!
Aber die Gedanken, die hier bzgl. Arbeit genannt werden sind schon ziemlich haarsträubend!
„Zu „arbeiten“ ist demnach die normierte Pflicht eines jeden Staatsbürgers.“
Das bedingungslose Grundeinkommen, was hier gefordert wird ist natürlich ein Konstrukt, wie es utopischer nicht sein kann! Wie soll denn Vater Staat bitte schön diese Forderung leisten können? Woher zieht der Staat sein Vermögen?
Zu begrüßen, dass der Bedarf an “menschlich-mechanischer Arbeitskraft” zurückgeht ist schon extrem daneben, oder hätte zumindest einer Erläuterung bedurft!
Grundsätzlich wird im ersten Teil aber die gemachte Erfahrung aus der Geschichte (DDR und deren Probleme) vollkommen ausgeblendet und ein Bild skizziert, das den Staat zu mehr Leistung auffordert und für alle, die nichts machen wollen, ein Liegestuhl bereit stellt.
Es ist gradezu absurd, das Ganze unter dem Deckmantel “sozial” laufen zu lassen: „Sozial ist, was gute Lebensbedingungen für die Menschen schafft“
Wie soll eine Gesellschaft funktionieren, in der es für die Einen GUT ist zu arbeiten und für die Anderen GUT ist sich zurück zu lehnen und jeder DAS auch so machen kann?
Wäre DAS nicht unglaublich ungerecht, wenn die Einen für die Gesellschaft arbeiten und den Anderen alles in den Schoß fällt?
Aber war es wirklich die Absicht des Autors ein solches Bild zu vermitteln? Ich denke kaum, denn sonst hätte er nicht den Missstand zum Thema gemacht und darauf hingewiesen, dass unter Umständen ein Hatz IV Empfänger mehr Geld hat, als einem arbeitenden Sozialhilfeempfänger bleibt!
Nicht auszudenken, was passieren würde, wenn Menschen auf einmal reihenweise aufhören würden zu arbeiten, nur weil es “keine gute Lebensbedingung” für sie ist, zu arbeiten.
Grundsätzlich ist ja in der Gesellschaft das Verlangen zu erkennen, dass der Staat es am Ende richten soll. Und so werden auch die Forderungen in Richtung Staat immer lauter, immer mehr?
Aber aufwachen Leute! Wir sind im Grunde am Ende. Die öffentlichen Haushalte verschuldet bis zum geht nicht mehr und immer wieder kommen neue Forderungen!? Das passt nicht zusammen. Es müsste auch bei der Politik angekommen sein, dass langsam Schluss sein muss mit dem ausufernden Wohlfahrtsstaat… Oder will hier irgendjemand den nachkommenden Generationen ein Schuldengebirge hinterlassen? Ist nicht ein Schuldenberg schon genug?
December 14th, 2009 at 11:10
Lieber Christoph,
Vielen Dank für deinen Kommentar. Der bietet eine sehr schöne Diskussionsgrundlage. Ich versuche mal sukzessive auf deine Kritikpunkte einzugehen:
“Also in diesem Artikel wird leider keine Lösung vorgeschlagen.” Ein Artikel muss nicht zwangsweise eine Lösung vorschlagen. Das ist das Privileg eines Kritikers. Er will aufdecken und auf Missstände hinweisen; wie man darauf reagieren soll, steht evtl. auf einem anderen Blatt. Das macht die Kritik nicht besser oder schlechter, sondern macht sie zumindest als solche erkennbar (für diejenigen, die es nicht merken).
“Das bedingungslose Grundeinkommen, was hier gefordert wird ist natürlich ein Konstrukt, wie es utopischer nicht sein kann! Wie soll denn Vater Staat bitte schön diese Forderung leisten können? Woher zieht der Staat sein Vermögen?”
Diese Aussage zeigt, dass Du dich vermutlich nie ernsthaft mit diesem Thema auseinander gesetzt hast. Bitte erlaube mir, dies Dir zu unterstellen. Ich möchte Dir zunächst folgenden Film-Essay empfehlen: http://www.nuoviso.tv/wirtschaft/das-grundeinkommen.html
Schon heute beziehen ca. 50% ALLER MENSCHEN in Deutschland ein Einkommen nicht aus der Wirtschaft, sondern vom Staat (Rentner, Beamte, Arbeitslose, einige Studenten…). D. h. so utopisch, wie du dies darstellst, ist das gar nicht, sondern für die Hälfte aller hier lebender Menschen Lebensrealität. Durch das BGE würden hingegen alle Menschen gleichermaßen Sicherheiten erhalten, die sie heute nicht haben. (Für weiterführende Details bitte Film oder z.B. http://www.grundeinkommen.de/ durchlesen)
In Deutschland existieren – so weit ich weiß – rund 40 sozialstaatliche Stellen (ARGE, Sozialamt, Bagfög, Wohngeld, …). Ein BGE würde (in einigen Modellen mit Ausnahme von Arbeitslosen-, Kranken- und Rentenversicherung) diese ganzen Insitutionen auf EINE zusammenschrumpfen lassen. D.h. statt 40x staatliche Gängelungsbürokratie (oder lässt Du dir diese lieber kosten?), gäbe es eine zentrale Stelle, die nur dafür Sorgen müsste, den Menschen ein Einkommen zur Verfügung zu stellen. Was die Menschen damit machen, ist ihnen frei gestellt. Deswegen muss es ausreichend hoch sein und wirklich bedingungslos. Summa summarum ist ein BGE nach einigen Modellen BILLIGER als das jetzige System, ergo WENIGER STAAT. Aber derartige Diskussionen rühren ja ein generelles Problem der CDU an: Beim Klimaschutz haben sie vor wenigen Jahren noch opponiert und jetzt, ja was?, jetzt spielen sie sich wie die Retter auf. So einen Opportunismus kann man zwar der Sache wegen akzeptieren, zeugt aber von der Innovationslosigkeit dieser Partei.
“Zu begrüßen, dass der Bedarf an “menschlich-mechanischer Arbeitskraft” zurückgeht ist schon extrem daneben, oder hätte zumindest einer Erläuterung bedurft!”
Was ist denn daran daneben? Und wo ist deine Erklärung? Ist das dann auch daneben? Eine Rationalisierung (z.B. Produktivitätssteigerung durch maschienelle Arbeit, welche menschliche ersetzt) ist erstens nicht vermeidbar und zweitens unter folgender Prämisse wünschenswert: Wenn Maschienen menschliche Arbeit übernehmen, dann müssen die Menschen am so erwirtschafteten Mehrwehrt BETEILIGT werden. Anders formuliert: Das Einkommen, was daraus erwirtschaftet wird, muss der Gemeinschaft zur Verfügung gestellt werden und nicht allein (aber auch!) dem Maschienenbesitzer. Ein BGE wäre wiederum ein Ansatz dem entgegenzukommen…
“[...]Bild skizziert, das den Staat zu mehr Leistung auffordert und für alle, die nichts machen wollen, ein Liegestuhl bereit stellt.
Es ist gradezu absurd, das Ganze unter dem Deckmantel “sozial” laufen zu lassen: [...]
Wäre DAS nicht unglaublich ungerecht, wenn die Einen für die Gesellschaft arbeiten und den Anderen alles in den Schoß fällt?”
Erstaunlicherweise geben 90% der befragten Menschen an, so wollen mit einem BGE genauso generell arbeiten, wie vorher auch (60% genau wie vorher, 30% sagten, sie würden sich was anderes suchen); Unterschied ist eben, dass sie abgesichert sind (Stichwort: Lebensgefühl! – kennt die Politik leider nicht) und NICHT gezwungen. Das ist in meinen Augen wahre Freiheit im Gegensatz zum jetzigen Zwangssystem.
Menschen zum Arbeiten zu ZWINGEN, das ist asozial! Und ihnen dann noch Geld abzunehmen, wenn sie dies tun; siehe Hartz IV; das ist dann doch die Krone der Dreistigkeit.
“Nicht auszudenken, was passieren würde, wenn Menschen auf einmal reihenweise aufhören würden zu arbeiten, nur weil es “keine gute Lebensbedingung” für sie ist, zu arbeiten.”
Ach ja. Nicht auszudenken, wenn die Deutschen, Chinesen, Inder oder wo sie alle herkommen, die ausgebeutet werden, sich auch noch dagegen wehren. Wer plakt sich denn dann für mich ab, dass ich fröhlich weiter konsumieren kann? Da muss ich ja dann bald selbst ran?
“Grundsätzlich ist ja in der Gesellschaft das Verlangen zu erkennen, dass der Staat es am Ende richten soll. [...]
Wir sind im Grunde am Ende. Die öffentlichen Haushalte verschuldet bis zum geht nicht mehr und immer wieder kommen neue Forderungen!? Das passt nicht zusammen. Es müsste auch bei der Politik angekommen sein, dass langsam Schluss sein muss mit dem ausufernden Wohlfahrtsstaat… [...]”
Deswegen verteilt Schwarz-Gelb auch noch die letzten Steuergeschenke an ihre Klientel, wie jetzt zu sehen ist! Deswegen wurden Millionen der Autoindustrie gesponsert (siehe Abwrakprämie) und diejenigen gefördert, die in der Regel genug Einkommen haben, um sich überhaupt einen Neuwagen zu leisten.
Derartig am Ende können wir ja doch nicht sein (wer hat eigentlich die meiste Zeit der bundesrepublikanischen Geschichte regiert? Das war doch, ja richtig, Schwarz-Gelb!).
Ich finde es immer amüsant, wenn ausgerechnet Politiker, die ja täglich versuchen, den Staat zu gestalten, davon sprechen, dass die Menschen nicht vergeblich nach dem Staat schreihen sollen. Wenn Politiker so ein Problem mit dem Staat haben, dann sollten sie ihn auch nicht gestalten.
Mir ging es mit dem Artikel darum, solche Äußerungen zu provozieren. Sie zeigen, wie tief das Arbeitszwangdenken in der Gesellschaft verwurzelt ist. Gegen arbeiten wird ja doch gar nichts gesagt, sondern gegen arbeiten, wie es jetzt gelebt wird. Arbeit, die krank macht, ist unmenschlich. Arbeiten, um sein Brot zu verdienen und die sozial gestaltet ist, ist gut und wichtig und wird auch nicht durch ein BGE aufgehoben. In einer mehr oder weniger freien Gesellschaft wird man es nicht verhindern können, dass ein kleiner Anteil der Menschen nicht arbeiten will. Das hast Du auch jetzt schon. Dafür aber die große Mehrheit mitzuschickanieren und zu verhindern, dass das Geld da ankommt, wo es gebraucht wird, ist einfach absurd.
Und ein weiterer gewichtiger Punkt ist die Tatsache, dass wir (eben durch Rationalisierung) nicht mehr genug Arbeit für alle haben. Du verstrickst dich doch in einem Dilemma, indem Du forderst, alle müssten arbeiten, wobei es einfach nicht genug Arbeit gibt. (Das habe ich im Artikel bereits angeführt) Es ist doch Volksverdummung PERMANENT zu propagieren, dass Vollbeschäftigung das Ziel ist. Das ist unmöglich.
Zu guter letzt möchte ich versöhnlicherweise noch einmal in Erinnerung rufen, dass es letztlich am wichtigsten ist, dass wir Menschen ein gutes Leben führen. Wenn man den Zwang beseitigen würde, dann könnten sich die Menschen mal darauf konzentrieren. Und die Arbeit würde so bewertet werden, wie sie es sollte: als ein wichtiger Aspekt des Lebens, aber nicht als der wichtigste.
Schöne Woche noch + viele Grüße
Samuel
December 14th, 2009 at 13:15
Höret, höret!
Wahrlich ein Wort, das zum Nachdenken anregt, gerade in der Weihnachtszeit, wo doch die sogenannten “Früchte der Arbeit”, welche sich in einem heilosen Konsumrausch manifestieren, und das besinnliche Mitteinander gnadenlos aufeinanderprallen.
Falls du Ihn noch nicht kennst, ich empfehle Serge Latouche zu lesen. Ein sehr guter Autor!
Viele Grüße,
Manuel
December 15th, 2009 at 03:44
Hallo Samu,
schön von dir zu lesen, immer wieder interessant.
Ich stimme dir inhaltlich nicht immer voll zu, vor allem habe ich große Zweifel an einer realistischen Umsetzung der “Idee” vom Grundeinkommen.
In deinem zentralen Punkt sprichst du mir aber aus dem Herzen, und da gebe ich dir vollkommen Recht: Wir müssen, was unsere Arbeitskultur an sich und deren Stellenwert in der Gesellschaft angeht, umdenken. Wir müssen überlegen, ob Wachstum (zum Wohle einer Gesellschaft) wirklich über das BIP definiert werden darf.
Die Arbeitsideale unserer Gesellschaft mögen zu Zeiten des Wirtschaftswunder durchaus “gesund” gewesen sein – sie aber nicht an die heutige Welt anzupassen, ist fatal.
Viele Grüße (ich schick dir noch einen guten Artikel zum Thema per Mail)
Valentin
December 15th, 2009 at 18:23
Banker(in)…
Weltwirtschaftskrise – Dubai, Griechenland und die Banken 2008: Ackermann fordert mehr Regulierung – 2009: Ackermann wehrt sich gegen starke Regulierung Die totalitäre Arbeitsgesellschaft, ihre hysterische Elite und die Freiheit als alterna…
December 15th, 2009 at 21:42
Hi Valentin,
ohne den Artikel gelesen zu haben (das mach ich gleich im Anschluss, vielen Dank schon mal!), möchte ich zu deinen berechtigten Zweifeln sagen:
Die harten Bandagen, die ich bei Christoph angelegt habe, wobei ich hart ausgeteilt habe, die muss man fairerhalber auch bei Konzepten wie dem BGE anlegen. Es bringt ja nichts völlig unreflektiert dieses Modell (oder diesen Typus verschiedener Modelle) verklärend als das Allheilmittel anzupreisen und den Menschen das blaue vom Himmel zu versprechen. Insofern muss ich Christoph recht geben.
Es geht aber darum, im Zusammenhang mit den kritisierten gesellschaftlichen Aspekten sinnvolle sozialstaatliche Instrumente zu entwickeln, die einer anderen Wertideen zugrunde liegen.
Dabei erscheint mir das BGE als ein sehr aussichtreiches Modell, was zu diskutieren gilt. Deswegen versuche ich das immer wieder im Nebensatz fallen zu lassen, um es bekannter zu machen.
Zugegeben, ich habe selbst nicht wirklich Fachwissen darüber. Da hängen hochkomplexe Vorgänge hintendran. (Bester Kritikpunkt von denen, die ich kenne, z. B.: Kein Mensch kann genau vorhersagen, welche Auswirkung das letztendlich wirklich auf eine Volkswirtschaft hat, wenn man es wirklich flächendeckend einführt.) Es gibt kompetentere Menschen als mich, um dazu Stellung zu nehmen.
Aber irgendwie müssen wir uns ja politisch-weltanschaulich orientieren. Und ähnlich wie wir das bei den Vorurteilen im ASA-Seminar hatten, so muss man glaube ich auch hier festhalten, dass wir uns an gewissen Leitideen entlanghangeln, die uns unter gewissen Prämissen als plausibel erscheinen. Generell sollte man sich eher darauf verlassen, als allein auf Autoritäten, so jedenfalls meine Meinung. Andernfalls mündet das alles in einem Expertismus, Expertokratie, sodass nur noch diejenigen das Sagen haben, von denen man glaubt, sie wüssten am ehesten Bescheid. (Dabei sind die ExpertInnen, wie jeder andere Mensch auch, nicht frei von Weltanschauung im ideologischen Sinne. Wir alle brauchen unsere Ideologien (gemeint ist prinzipielle Ausrichtung oder ähnliches)).
Also wie gesagt: BGE gilt es kritisch zu zerlegen. Aber interessant ist es schon, was z.B. in Namibia passiert, wo man es eingeführt hat. Berichterstattung darüber laut google hier:
http://www.google.com/search?ie=UTF-8&oe=UTF-8&sourceid=navclient&gfns=1&q=namibia+bedingungsloses+grundeinkommen
Soweit von mir erstmal
Vielleicht schreib ich demnächst mal nen speziellen Artikel übers BGE. Weniger über die technokratische Seite (davon habe nicht genug Ahnung), sondern eben über die Wertideen der Freiheit, Solidarität und positiven Menschenbild, die irgendwo hinter dem Konzept stehen.
Viele Grüße
December 15th, 2009 at 21:44
Ich sollte wohl besser sagen: In Namibia, wo man es testweise in EINEM Dorf eingeführt. Nicht im ganzen Land!
December 22nd, 2009 at 18:17
Glückwunsch zu dem superguten Beitrag